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Rezension des Buches Feldner/Sturm
Zwei Denkwelten. Einige Gedanken zum Protokoll des Gesprächs zwischen Feldner und Sturm

Dr. Avguštin Malle

Zwei Kontrahenten verfassten mit Hilfe zweier Mediatoren das Buch Kärnten neu denken. Die Ausführungen und Gedanken des Obmanns des Zentralverbands slowenischer Organisationen, Dr. Marjan Sturm, und des Obmanns des Kärntner Heimatdienstes, Dr. Josef Feldner, erlauben keine tiefer gehende kritische Bewertung, denn sie sind Resultat eines Diskussionsprozesses, dessen oberstes Gebot war, nicht zu scheitern und niemandem zu großen Schmerz zuzufügen. Das ist zwar ein legitimes Ziel, das Gespräch führt aber nicht in die Tiefe des »Kärntner Problems«, das sich in der Öffentlichkeit als nationales darstellt, in Wirklichkeit aber war und ist es in erster Linie noch immer auf das Problem einer kaum existierenden Partizipation der slowenischen Bevölkerung an den gesellschaftspolitischen Prozessen der Kärntner Gesellschaft zurückzuführen. Als solches wird es auch, nach mehrmahligen Nachfragen zu urteilen, von den Mediatoren verstanden. Die Antworten der Kontrahenten auf die zentrale Frage nach dem Kräfteverhältnis sind nicht zufriedenstellend. Sturm gibt sich mit dem pauschalen Hinweis auf die »strukturelle Gewalt« zufrieden, Feldner findet darauf keine Antworten, bzw. meint, diese müssten konkret und im Detail gemeinsam gesucht und danach von Fachleuten vertreten werden. Dabei weist Feldner den Historikern einen besonderen Platz zu, vergisst aber, dass diese auch ohne ein formalisiertes Gesprächsforum in ständigem schriftlichen Dialog stehen, der es zulässt, dass vor einer endgültigen Synthese mehrere »Wahrheiten« bzw. Ansichten bestehen. Das Delegieren der Verantwortung in einer Weise, wie sie vom Kontrahenten Feldner bezüglich des Massentodes der russischen Kriegsgefangenen in Spittal an der Drau in Unkenntnis des Problems pratktiziert wird, ist inakzeptabel. Er meint nämlich, dass diese Frage nicht oder kaum erforscht wurde und dies nur den dafür berufenen Historikern vorgeworfen werden kann. Er vergisst aber hinzuzufügen, dass Historiker nur dann in der Lage sind zu forschen, wenn sie von den dominanten Gesellschaftsstrukturen allseitig unterstützt werden. So können die Inhalte der Diskussionen bzw. Diskurse bestimmt werden. Die »Fachleute« können keine Lösungen herbeiführen, wenn die politische Einsicht und der Wille fehlen. Nicht einmal ein erster Schritt kann gesetzt werden. Denken wir nur an das »Schicksal« des österreichischen Teils der österreichisch-slowenischen Historikerkommission.

Feldner tritt in das Gespräch mit der Zielsetzung ein, dem Leser immer wieder drei Hauptkomponenten seiner Sicht der Problematik zu vermitteln: die zahlenmäßige Schwäche der slowenischen Volksgruppe und ihre nicht geschlossene Siedlungsweise, die Benachteiligung der Mehrheit im Schulbereich und in Fragen der liturgischen Sprache. Er ist bestrebt, die Volksgruppe für vertrauensbildende Maßnahmen zu gewinnen, für die Anerkennung der deutschsprachigen Minderheit in der Republik Slowenien, für die Abschaffung der Avnoj Beschlüsse, für die Ermöglichung einer gemeinsamen kritischen Betrachtung der belastenden Vergangenheit und – weniger explizit – für die direkte Teilnahme der Kärntner Heimatverbände in Gremien, die die Minderheitenfragen auf Landes- und Bundesebene erörtern. Für Sturm sind für die Beurteilung der Problematik gesellschaftswissenschaftliche Standpunkte und die europäische Entwicklung maßgebend. Das aber sind vorwiegend Ansichten und Pläne der politischen Eliten, und keineswegs der Masse der Bevölkerung. Es überrascht, dass er nicht »historisiert«, und damit auf eine Darstellung und mögliche positive Beurteilung von innovativen Initiativen der Volksgruppe im Bereich des interethnischen Dialogs in der Vergangenheit verzichtet.

Zurück zu den Ausführungen und einigen Thesen beider Kontrahenten!
Den LeserInnen schlage ich vor, auf der Seite 239 mit dem Lesen zu beginnen, wo die beiden Mediatoren ihren Ansatz zum Dialogprozess zwischen Sturm und Feldner zu erklären beginnen. Die Mediatoren führen das Gespräch vorsichtig, die beiden Partner reihen ihre Gedanken aneinander, ohne aufeinander einzugehen. Das »Gespräch« geht an diesen Stellen ins Leere. Die Rücksichtnahme der beiden Mediatoren erscheint übertrieben, wenn aber an die Schlussfolgerungen gedacht wird, die annehmen lassen, dass der Dialog fortgesetzt werden soll, ist sie das nicht. Und der Dialog läuft in der Tat weiter. Die beiden Mediatoren erfassen den Unterschied zweier Phänomene und ihre ständige Verwechslung sowie ihren funktionellen Missbrauch nur unzureichend: die Bezeichnung der slowenischen Kärntner Dialekte seitens der Deutschsprachigen (nicht nur Kärntner) mit dem Begriff »Windisch« und das politische Konstrukt der »Windischen« als eine eigene ethnische Entität, die eine Mischsprache verwende. Wuttes nachplebiszitäres politisches Konstrukt der »Windischen« dokumentiert nicht zuletzt die Griffner Resdolution vom 27. Januar 1919, in der letzten Nummer des Organs des Heimatdienstes veröffentlicht, die nur Deutsche und Slowenen kennt, von Österreichern ist keine Rede. Die beiden Mediatoren waren nicht in der Lage, allen Fallen des Kärntner Politjargons auszuweichen. Wenn sie davon sprechen, dass Sturm und Feldner im Sinne einer Problemlösung versuchen sollten, alle Akteure einzubeziehen, tappen sie in die Falle. Sie sprechen unter anderem von den Abwehrkämpfern und dem Rat der Kärntner Slowenen. Dieser Hinweis wird in Kärnten von jedem verstanden – gemeint sind die zwei unversönlichen Extremisten, die eine Lösung verhindern (konkret die Aufstellung der zweisprachigen Ortstafeln). Es ist aber dennoch ein fundamentaler Unterschied zwischen jenen, die für die Verwirklichung der rechtlichen Normen eintreten und jenen, die diese verhindern. Einige Seiten später besinnen sie sich dieser Ungereimtheit und sprechen vom Staatsvertrag und den Entscheiden des Verfassungsgerichtshofes sowie von den klaren rechtlichen Perspektiven für eine Lösung.
Obwohl zwischen Sturm (geb. 1951) und Feldner (geb. 1939) kein wesentlicher Altersunterschied existiert, wird der Dialog zwischen zwei Personen mit offensichtlich ganz unterschiedlichem Sozialisationsverlauf geführt. Hinter Sturm und Feldner stehen »Wertesysteme«, die unterschiedlich sind. Eines der Grundprobleme liegt darin, dass Sturm häufig von der Integration der Kärntner Slowenen in die österreichischen Gesellschaftsprozesse spricht, diese aber nicht benennt. Konkret: An den erwähnten Prozessen hatten die Kärntner Slowenen zum Teil partizipiert, sonst wäre die Diskriminierung der Angehörigen der slowenischen Volksgruppe wohl zu offensichtlich gewesen, als Kollektiv aber blieben sie trotzdem noch Jahre in einer untergeordneten Position und waren somit diskriminiert. So erfasste zum Beispiel der Aufschwung des allgemeinenbildenden höheren Schulwesens und des berufsbildenden höheren Schulwesens in den sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts die Volksgruppen in Österreich nur in unzureichendem Ausmaß. Mit der Angleichung war der Staat trotz wiederholter Forderungen der slowenischen Volksgruppe mehr als zwanzig Jahre lang säumig, also gute vier Generationen von Schülerinnen und Schülern. Zugleich aber ermöglichte das Stipendiensystem für sozial schwächere Schülerinnen und Schüler eine gleichberechtigte individuelle Partizipation von Angehörigen der slowenischen Volksgruppe an den österreichischen gesellschaftlichen Prozessen und führte zu ihrer schnellen Umschichtung. Der Staat führte trotz der untergeordneten gesellschaftlichen Position eines Großteils der Angehörigen der slowenischen Volksgruppe (aber nicht nur dieser Minderheit) bald nach der Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages im Bereich des Bildungswesens das »Bekenntnisprinzip« ein und verschärfte somit ihre untergeordnete politische und soziale Position noch zusätzlich. Diese Tatsache wird vom Memorandum der Kärntner Slowenen zur Schulfrage vom 15. November 1958 dokumentiert. Einige Verdienste für die Durchsetzung des Bekenntnisprinzips hat Feldners Organisation zu verzeichnen, das Ausmaß aber müssten Fachleute aufgrund von amtlichen Quellen und Veröffentlichungen in Vereinsorganen und Aufrufen analysieren. Zugleich aber ignorierte der Staat das »Bekenntnisprinzip« im Bereich der Vorschulerziehung. Ich behaupte, dass der Modernisierungsschub der slowenischen Volksgruppe nicht nur ihr selbst zugute gekommen war, sondern in gleichem Ausmaß auch der österreichischen Gesellschaft. Dass dieser ob dem großen Eifer der slowenischen Eltern bzw. Familien sowie anderer Faktoren (Schülerheime) nicht noch erfolgreicher gewesen war, ist jenen zuzuschreiben, die weiterhin vehement gegen eine obligatorische zweisprachige Volksschule eingetreten waren sowie nach ihrer Abschaffung lange Jahre auch gegen ein breit gefächertes Schulsystem für die Angehörigen der slowenischen Volksgruppe, und ständig von ihren »extremen Forderungen« gesprochen hatten. Auch in diesem Fall ignorierten die Verantwortlichen ihr eigenes oberstes Prinzip – das »Bekenntnisprinzip« – und nahmen in der Welt der Phantasiezahlen Zuflucht. Im Bildungsbereich ist der fundamentale Gesinnungsunterschied zwischen den beiden Kontrahenten stark ausgeprägt. Sturm unterstreicht an zahlreichen Stellen, was heute von der Soziologie hinsichtlich der nationalen Bewegungen vertreten wird, dass sie nämlich großteils emanzipatorischer und partizipatorischer Natur gewesen sind. Feldner spricht zwar wiederholt von historischen Prozessen, in letzter Konsequenz aber steuert er immer auf die Zahlen der letzten Volkszählung zu und redet über die kleine und in Streulage siedelnde slowenische Volksgruppe in Kärnten. Er reagiert auch nicht auf die Feststellung Sturms, der Rückgang der Kärntner Slowenen im Landesmaßstab von einem Anteil von einem knappen Drittel auf 2,5% zeuge keineswegs von einer »natürlichen Entwicklung«.

Obwohl das Gespräch keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, wären von den Kontrahenten doch etwas tiefergehende Gedanken hinsichtlich der Entstehung des »Österreichbewusstseins« und seiner entscheidenden Identitätsmerkmale zu erwarten gewesen. Die Österreichischen Gesellschaftswissenschaftler sprechen von der Konstituierung eines Österreichbewusstseins in den sechziger und siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Kärtner Slowenen haben das Österreichbewusstsein offensichtlich noch vor dem Großteil der Mehrheitsbevölkerung entwickelt. Tatsächlich konnte das bei Kärntner Slowenen festgestellt werden, denn einige junge linke Intellektuelle aus den Reihen der Volksgruppe sprachen und schrieben wiederholt von den sog. »Avstrijakanti«, womit jene gemeint waren, die sich ihrer Meinung nach zu sehr zu den beiden österreichischen Großparteien hingezogen fühlten. Die beiden Kontrahenten könnten auf gemeinsame Identitätsmerkmale hinweisen sowie auf solche, die entweder für Österreicher oder für Slowenen von spezifischer Natur sind. Für die Slowenen spielt die Sprache eine größere Rolle, obwohl die Österreicher bei den EU-Beitrittsverhandlungen das Recht durchsetzten, einige typisch österreichische Produkte noch weiterhin mit eigenen Bezeichnungen zu benennen und dabei übersahen, dass sie die Sprache auf eine einzige Dimension reduzierten. Aber sogar bei der Sprache können schnell Komplikationen auftreten. Geht man nämlich von der These aus, dass die Sprache unser entscheidendes Identitätsmerkmal ist und diese mit der Feststellung verbinden, dass sie vor allem ein Kommunikationsmittel darstellt, dann stellt sich sofort die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Wertung, ihres »ökonomischen Wertes« und ihrem Platz im nationalen, staatlichen und globalisierten Kommunikationssystem. Es sei an den jahrelangen Widerstand einiger Kreise in Kärnten gegen die Möglichkeit, das Fernsehprogramms aus Ljubljana zu empfangen, erinnert. In der Zeitung Ruf der Heimat und ihrem Nachfolger Der Kärntner könnten einige spitze Bemerkungen auf Kosten der slowenischen Sprache gefunden werden, wie auch in den Leserbriefen der Kärntner Tageszeitungen. Die Bewertungen und Meinungen stehen zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen in diametralem Gegensatz. Diesbezügliche Analysen führte die Forschungsgruppe unter der Leitung von Erik Prunč durch und stellte sie bei den Kärntner Kulturtagen vor. Andere Wissenschaftler folgten mit ähnlichen Analysen mindestens ein Jahrzehnt später. Beim Faktor „Kultur“ im Identitätsprozess hatten sowohl Slowenen als auch Österreicher größere Schwierigkeiten. Des Problems wurden sie sich in der Europäischen Union bewusst, die die Sprachen ihrer Mitglieder als gleichwertig anerkennt, worauf Sturm beim Aufzählen der Unionsprinzipien hinweist. Hier gilt es an die Nachkriegsjahre zu erinnern, an die Leitartikel in der Koroška kronika von Gerald Sharp, Mitglied des britischen Nachrichtendienstes, an die Schulverordnung vom 3. Oktober 1945 und ihrer heutigen Bewertung nicht nur von slowenischer Seite. Sharp erlitt mit seiner gemäßigten Politik Schiffbruch, wofür sich auch Kärntner Regierungskreise und die britische Zivilverwaltung selbst verdient gemacht hatten. Der Obmann der Kärntner Volkspartei, Hermann Gruber, beklagte bereits im August 1945, dass die britischen Offiziere lieber auf die ehemaligen Nazifunktionäre hörten als dass sie sich an den »österreichischen Patrioten« orientierten. Ungewollt wies er so auf die Kontinuität der deutschnationalen und nationalsozialistischen Gesinnung in Kärnten hin. Gerade im Bildungsbereich, der Einschätzung der Rolle von Sprache und Kultur bei der Identitätsbildung, werden im Denken der beiden Kontrahenten fundamentale Unterschiede offensichtlich, welchen aber keine kritische Einschätzung der eigenen Positionen folgt, weder aus historischer Sicht und noch weniger aus Sicht der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sprache und Kultur werden in einem großen Ausmaß vom Schulsystem und von den Medien vermittelt und generiert. Feldner beharrt darauf, dass seine Organisation ständig bloß die gemeinsame Schule unter slowenischer Dominanz kritisiert hätte. Gerade hier muss diese Meinung problematisiert werden sowie auch andere Ausführungen der Kontrahenten, die teilweise plakativ sind, politische Schlagworte, die nur einem Leserkreis zugemutet werden können, der die Situation nicht kennt. Es gibt viele Wiederholungen, die dadurch aber auch nicht wahrer werden. Die »gemeinsame Schule« stand nie »unter slowenischer Dominanz«. Sie war – und das gilt auch heute für das gesamte Minderheitenschulwesen – eine zusätzliche Form des österreichischen Schulwesens unter Aufsicht des Landesschulrates für Kärnten als zuständiger Bundesbehörde mit dem jeweiligen Landeshauptmann an der Spitze.

Feldner ist der Meinung, dass die Kärntner Slowenen ihre Ideen und Standpunkte in der österreichischen und internationalen Öffentlichkeit leichter positionieren können. Sturm hält dagegen, das habe doch etwas mit Positionen zu tun, die von dieser oder jener Organisation vertreten werden. Dem kann ich zustimmen. Dabei vergisst Feldner, dass seine Organisation in der Kärntner Öffentlichkeit (und teiweise in der österreichischen) über bereits stark verankerte Positionen verfügt, die er in diesem Dialog und in den letzten Veröffentlichungen anführt und wiederholt: die zahlenmäßige Schwäche der slowenischen Volksgruppe, die keine »Urangst« mehr verursacht, ihre Streulage, die überzogenen (unberechtigten) Forderungen der Minderheit weit über die Bestimmungen des Österreichischen Staatsvertrages hinaus sowie die »historischen Traumata« (Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Partisanenkampf, Verschleppte aus den Maitagen 1945 und ihre Liquidierung, Anschlusserklärungen diverser Ausschüsse und Funktionäre der OF [Osvobodilna fronta/Befreiungsfront]). Einige Positionen aber konnte seine Organisation in der Tat nicht ganz durchsetzen, weil sie entweder nicht kommunizierbar sind oder sich indirekt an den heutigen slowenischen Staat richten und von der Mehrheitsbevölkerung nur zum Teil unterstützt werden, vor allem von ihren Eliten: die deutsche, österreichische oder altösterreichische Minderheit in Slowenien und ihr rechtlicher Status, das Minderheitenschulwesen (mit Einschränkungen bezüglich auf die Entwicklung in den letzten Jahren), die Sprache in der Kirche, die Unterstützung der Vereine der Mehrheitsbevölkerung seitens des Bundes usw. Die Außenpolitik ist eben nicht Kärntner Angelegenheit, noch weniger die von Feldners Organisation. Auch der »Anti-Wien-Relex« wird bedient, in den Feldner auch Sturm hineinzuziehen versucht. Dieser »Anti-Wien-Reflex« ist nach Einschätzung der Historiker – sowohl der österreichischen (einschließlich der Kärntner) als auch der slowenischen – ungerechtfertigt. Daher könnte von einer »selektiven Wahrnehmung« auch im Bereich der gemeinsamen oder identen Feststellungen der historischen Wissenschaft durch den Kontrahenten Feldner gesprochen werden. Das Gerede über die Friedensregion, Wissensregion und Ähnlichem erscheint problematisch, sobald es vom Gesprächspartner mit dem Wunsch nach einem gemeinsamen Auftreten der einstweilen noch undefinierten Region »gegen Brüssel« als neuem Machtzentrum verbunden wird. Die Sprache verrät häufig die Gesinnung des Gesprächspartners auch gegen seinen Willen. Warum denn »gegen«, warum immer nach »neuen Feinden« suchen? Die slowenische Volksgruppe stellt für Feldner keine Gefahr mehr dar, eine tatsächliche Herausforderung für die gesamte Kärntner Gesellschaft – auch für den slowenischen Teil – hat er mittlerweile in den Immigranten gefunden, vor allem aus den islamischen Staaten bzw. in den muslimischen Zuwanderern, und vergisst dabei wieder die historische Tatsache, dass bereits die selige Österreichisch-ungarische Monarchie seinerzeit das muslimische Glaubensbekenntnis anerkannt hatte.

Der Obmann des Zentralverbandes slowenischer Organisationen überrascht vor allem an jenen Stellen, wo im Dialog über die Initiativen für einen Dialog in der Vergangenheit gesprochen wird. Er erwähnt von den Studenten initiierte Aktionsgruppen, Bestrebungen der slowenischen Kulturvereine, den österreichischen Nationalfeiertag gemeinsam zu begehen, erwähnt das Entgegenkommen der (römisch-katholischen) Kirche (bei einigen Initiativen wirkte auch die evangelische Kirche mit). Zu wenig Aufmerksamkeit widmet er den universitären Initiativen, der Arbeit des Kontaktkomitees, der Arbeit des slowenischen Volksgruppenbeirates beim Bundeskanzleramt, obwohl wir mit seinem Beitrag nicht zufrieden sein können, und noch anderen Formen des Dialogs zwischen der Minderheit und Mehrheit. Völlig übersieht er dabei den grundlegenden Ausgangspunkt des Rates der Kärntner Slowenen und Zentralverbandes slowenischer Organisationen in der Präambel des Memorandums der Kärntner Slowenen an die Österreichische Bundesregierung vom 11. Oktober 1955. Die Volksgruppe flehte damals direkt um einen Gesprächspartner aus den Reihen der Mehrheit und erblickte diesen vor allem in den Regierungsstrukturen. Die Politik des Zentralverbandes war nach seiner Gründung im März 1955 ganz auf den Dialog mit der Mehrheit ausgerichtet. Den Gesprächspartner sah man in der Sozialistischen Partei Österreichs und danach in allen Kräften, die sich für die Realisierung des Artikels 7 des Österreichischen Staatsvertrages einsetzten. Der Rat der Kärntner Slowenen suchte Unterstützung bei der ihm weltanschaulich nahestehenden Österreichischen Volkspartei. Beide Organisationen konnten einen Erfolg verbuchen, als sie auf Initiative des Außenministers Bruno Kreisky als Gesprächspartner für die Umsetzung der Bestimmungen des Artikels 7 des Österreichischen Staatsvertrages anerkannt wurden. Der Zentralverband hatte bei der Annäherung an die Parteien der Mehrheitsbevölkerung zuerst mehr Erfolg, der Rat der Kärntner Slowenen aber erntete später Erfolge mit seiner »Wahlgarnitur« Enotna lista/Einheitsliste bei den Grünen und danach beim Liberalen Forum. Es ist kaum zu glauben, dass Sturm auf diese jahrzehntelange Komponente des Dialogs vergisst, vor allem ist das auch deshalb unverständlich, weil er diese Politik mitgestaltet und zeitweise sogar geleitet hat. Heute wissen wir, dass die Politik des Zentralverbandes mit der bedingungslosen Eingliederung in die Sozialistische Partei nicht immer erfolgreich gewesen ist. Die Ursachen für den Misserfolg werden aber auch auf Seiten der Sozialisten zu suchen sein, die Mitte der siebziger Jahre nicht viel von ihren slowenischen Funktionären und Mitgliedern hielten und Verbindungen mit den Exponenten des konservativen Lagers der slowenischen Volksgruppe suchten, in der Hoffnung, ihre eigenen Machtpositionen im Land noch weiter zu festigen. Weiters übersieht Sturm vollständig die Aktivitäten der eigenen Organisation und des Rates der Kärntner Slowenen auf internationaler Ebene. Diese gingen über das Niveau eines Dialogs hinaus und trugen zum Wissen über die Kärntner Slowenen in der internationalen Öffentlichkeit wesentlich bei. Dabei denke ich an verschiedene Minderheitenorganisationen. Beim Nachdenken der beiden Mediatoren über die Friedensregion könnte der Obmann des Zentralverbandes die Initiativen des Slowenischen Kulturverbandes im Bereich des Kulturaustausches zwischen dem damaligen Jugoslawien – mit Schwerpunkt auf der sozialistischen Republik Slowenien – und Österreich Ende der vierziger und zu Beginn der fünfziger Jahre erwähnen. Die Initiative war so willkommen, dass sie sogar auf dem Höhepunkt des kalten Krieges von der österreichischen Außenpolitik aufgegriffen wurde. Aus diplomatischen Quellen ist bekannt, dass die beiden Staaten die Initiative in die Tat umsetzten, aber sie überließen die »Premiere« absichtlich nicht Ljubljana und Klagenfurt, sondern Beograd und Graz. Erst danach begann eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen Klagenfurt und Ljubljana und entwickelte sich in verschiedenen kulturellen Bereichen weiter. Den Höhepunkt erreichte sie in der Arbeitsgemeinschaft Alpen-Adria. Fachleuten könnte wiederum die Analyse überlassen werden, wie die Organisation Feldners all diese Initiativen und die Zusammenarbeit in Land und Bund sowie über die Staatsgrenzen hinweg eingeschätzt hat. Alles das bestätigt keinesfalls Sturms oberflächliche These, dass die Slowenen in allen Deutschen nur die Kontinuität des Nationalsozialismus gesehen hätten, dass »ein Deutscher eben Deutscher bleibe«, was tatsächlich nur die extremen slowenischen Klerikalen vor dem Zweiten Weltkrieg und danach meinten. Es stimmt aber, dass die Kärntner Slowenen häufig von »minderheitenfeindlichen Kräften«, »reaktionären Kräften«, »rechtsradikalen Kräften« sprachen und schrieben und dabei den Kärntner Heimatdienst und seine Mitgliedsorganisationen im Sinn hatten.

Trotz neuerlichem Nachfragen durch die beiden Mediatoren nach dem Kräfteverhältnis und den damit verbundenen Möglichkeiten, gesellschaftspolitisch im »Nationalitätenkonflikt« zu entscheiden oder mitzubestimmen, gehen die beiden Kontrahenten auf die Frage des ökonomischen Überbaus nicht ein. Dass Feldner diese Fragen ignoriert ist verständlich, sonst müsste er sich ja sofort an sein eigenes Motto aus den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts erinnern und an das Plakat »Haltet uns von Kärnten fern Betriebe mit dem Titostern«, mit einem Fuchs mit Proletenmütze, geschmückt mit einem roten Fünfzackstern. Bedrohten diese »gemischten Unternehmen« (mit zum Teil jugoslawischem Kapital) tatsächlich die dominante Position der Mehrheitsbevölkerung? Sicher aber hatten sie Vorteile für die zweisprachige Bevölkerung, schon wegen der Beschäftigungsmöglichkeit, und das zum Teil sogar im Heimatort, was vollkommen im Einklang mit der damaligen slowenischen ökonomischen Politik einer dezentralen Entwicklung stand. Diese Betriebe trugen auch wesentlich zur Entfaltung der kulturellen Aktivitäten und anderer Tätigkeiten der Kärntner Slowenen bei. Eine Durchsicht der Inserate in den slowenischen Wochenzeitungen in Kärnten und im Koroški koledar (Kärntner Kalender) bestätigt dies. Sie waren in erster Linie auf wirtschaftlichen Erfolg orientiert und boten Vorteile für ihre Mutterbetriebe im Rahmen des gemeinsamen Staates Jugoslawien. Diese Betriebe betrachtete die Führung der Organisation mit Obmann Feldner an der Spitze als größte Gefahr. Die Reaktionen auf den Versuch einer Ansiedlung der Firma Gorenje in der Bleiburger Gegend sind ja bekannt. Kurz davor löste die bloße Ankündigung der Mohorjeva/Hermagoras, das Kloster in Viktring kaufen zu wollen, einen allgemeinen Alarmzustand aus. Plötzlich war ganz Südkärnten in Gefahr. Schändlich war auch das Verhalten der Stadt Klagenfurt in der causa des geplanten slowenischen Kulturhauses.
Große Meinungsverschiedenheiten bestehen bei den beiden Kontrahenten in der Frage der zweisprachigen topographischen Aufschriften, also in der Frage, die die Kontrahenten zum Diskussionstisch geführt hat. Sie finden keine gemeinsame Interpretation der „Öffnungsklausel“. Feldner minimiert die Anzahl der Orte, die eine zweisprachige Aufschrift erhalten sollten, er gibt offen zu, dass er einer Aufstellung der Tafeln, die von 10 % der Bevölkerung beantragt würden, niemals zustimmen würde, und interpretiert die Klausel als Petitionsrecht ohne Rechtsverbindlichkeit. Er spricht davon, dass eine Gruppe von Bürgern ein Vorschlagsrecht erhält, er „verkauft“ also etwas, was bereits besteht. Sturm erklärt seine Sichtweise der Klausel und meint, dass über eine konkrete Durchführung nicht diskutiert wurde. Beide stimmen damit überein, dass eine Aufstellung von weiteren zweisprachigen Ortstafeln innerhalb von fünf Jahren von vertrauensbildenden Maßnahmen begleitet werden müsste. Sturm ist der Meinung, dass die Regierung in einem positiven Fall durch eine Verordnung, in einem negativen Fall durch einen Bescheid entscheiden müsste und unterstreicht, dass die zweisprachigen Ortstafeln keinen „nationalen Besitzstand“ anzeigen und keine „nationalen Markierungen“ darstellen – damit stimmt Feldner sofort überein – sondern mit einer Aufstellung der Tafeln der Rechtsstaat respektiert werde und damit die rechtlichen Bestimmungen, inklusive die Entscheide des Verfassungsgerichtshofes.

Die beiden Kontrahenten räumen auch den Kritikern des Dialogs etwas Platz ein. Feldner legt seine schwierige Position zum Abwehrkämpferbund dar. In Wirklichkeit geht es um die „Traditionsträger“ aus der ersten, zweiten und vermutlich auch schon dritten Generation. Er bedauert, dass die Unterstützung der Parteien für den Dialog ausgeblieben sei, was angesichts des „runden Tisches“ nicht stimmt. An anderer Stelle zeigt er Verständnis für jene slowenischen Studenten, die Sturms Dialog mit ihm kritisiert haben, aber er vergisst nicht negativ zu erwähnen, dass diese vom Konflikt in der Schule gehört hätten.

Wenn sich die beiden Kontrahenten auf den Boden der Geschichte und Erinnerungskultur begeben, sind die Ausführungen schon wegen der Ausbildung der beiden sehr verschieden. Sturm stellt die historischen Vorgänge in einen breiteren Kontext und spricht von den Ursachen und Folgen, als Historiker ist er genauer. Feldner lässt sich vorsichtig auf einige Details ein, die er aber dann nicht zuende denkt und sie dem Urteil der Fachwelt überlässt („das große Gift, Film „Lava des Hasses“, Schlussstrichdebatte usw.). Natürlich werden die von Partisanen liquidierten Zivilisten während des Krieges mehrmals erwähnt, die Verschleppten, und die „Anschlusspropaganda“ des Pokrajinski odbor Osvobodilne fronte za Slovensko Koroško (Gebietsausschuss der Befreiungsfront für Slowenisch Kärnten). Feldner greift auf Redeabschnitte verschiedener Funktionäre aus der Zeit vor dem 20. Juni 1949 zurück. Es ist eine Tatsache, dass ein Teil der Kärntner Slowenen wegen ihres Misstrauens in die österreichischen Eliten ihre nationale Zukunft nicht in Österreich gesehen und bis Juni 1949 für die »Vereinigung mit dem Muttervolk« agitiert hat. Nach der Interpretation der Großmächte war die Friedenskonferenz dafür zuständig, die Grenzfrage zwischen Jugoslawien und Österreich zu lösen. Wir wissen aber auch, dass Österreich auf Wunsch Kärntens in der internationalen Öffentlichkeit die Frage des Kanaltales inklusive von Bela peč thematisierte, also einer Gemeinde des ehemaligen Kronlandes Krain. Unter der Leitung von Exponenten der Volkspartei wurden auch Forderungen bezüglich der Steiermark bis zur Save, inklusive der Mežiška dolina und Dravograds gestellt. Die „Wünsche“ dieser Exponenten übertrafen – der Bevölkerungszahl und des territorialen Umfangs nach – bei weitem die jugoslawischen Forderungen nach einem Teil Kärntens und der Steiermark. Feldner betont wiederholt, dass der heutige Heimatdienst keine Kontinuität mit dem Heimatdienst bzw. Heimatbund vor dem Krieg besitze und weist die Meinung zurück, seine Organisation habe 1972 das Pogrom auf die zweisprachigen Ortstafeln organisiert. Das Gesetz sei, so führt er aus, mit knapper Mehrheit beschlossen worden und ohne vorherige Information der Bevölkerung. Dr. Franci Zwitter, damaliger Obmann des Zentralverbandes slowenischer Organisationen, hob ständig hervor, der damalige Landeshauptmann Hans Sima habe über diesen Schritt sowohl den Zentralverband und den Rat der Kärntner Slowenen als auch den Heimatdienst informiert. Feldner ignoriert die Tatsache, dass sich Dr. Valentin Inzko im Rahmen der Kärntner Synode für die bösen Taten, die den „Deutschen“ von den „Slowenen“ zugefügt wurden, entschuldigte (im Synodaltext) und dass auch Lojze Peterle in seiner Funktion als Chef der slowenischen Regierung Worte des Bedauerns fand. Feldner findet Worte der Anerkennung für die demokratische Entwicklung in Slowenien und distanziert sich von jenen, die die Slowenen noch immer „horruck übern Loibl“ schicken möchten. Außerdem beteuert er, er und seine Organisation, seit sie unter seiner Leitung stehe, haben die Slowenen nie pauschal angegriffen, sondern nur einzelne Slowenen und ihre Äußerungen. Vor allem das Image des Landes mache ihm Sorgen, von den Slowenen aber erwarte er, dass sie doch auch die positive und international anerkannte österreichische Minderheitenpolitik würdigten und etwas Dankbarkeit zeigten. Er weiß nicht, dass die Volksgruppe die positiven Schritte der österreichischen (Kärntner) Minderheitenpolitik (z. B. im Bereich der Kindergärten) anerkennt. Natürlich kritisiert die Minderheit in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit die Mängel zurecht, aber auch „Dankbarkeit“ wird im Rahmen des guten Benehmens erwiesen. Elegant weicht Feldner der Darstellung von Sturm im Bereich der Förderung der Musikschulen aus und meint, er kenne die Zahlen nicht im Detail und beruft sich auf die „zahlreichen Beschwerden der Deutschkärntner“. Er sagt nicht, dass er sich für höhere Förderungen der Minderheit einsetzen würde, sollte eine Analyse von Fachleuten ergeben, dass die Mehrheitsbevölkerung höhere Förderungen pro Schüler erhält (z. B. gerade im Bereich der Musikschule).

Der Dialog der Kontrahenten muss als das aufgefasst werden, was er ist – das Protokoll eines dreitägigen Gesprächs. Er ist aber auch ein Meilenstein. Für jene, die von Konflikten leben, vielleicht ein negatives Signal. Der Dialog wiederholt Positionen, die aus der Presse bekannt sind, er serviert sie in konzentrierter Form. In einigen Gesichtspunkten überschätzt er die Möglichkeiten von Nichtregierungsorganisationen bei der Lösung von offenen Fragen. Die Kärntner Slowenen sind zwar willkommene Gesprächspartner in Ljubljana, es muss aber stark bezweifelt werden, dass sie die Minderheitenpolitik dieser oder einer anderen Regierung in irgendeiner Weise beeinflussen könnten. Diese folgt ähnlichen Machtprinzipien wie die österreichische. Es ist keine Tragödie, dass sich Sturm mit Feldner an einen Tisch gesetzt hat. Joško Tischler führte unter anderen historischen Umständen Gespräche mit Maier-Kaibitsch und wurde trotzdem „Vater des Slowenischen Gymnasiums“ und geachteter Nachkriegsobmann des Rates der Kärntner Slowenen. Ich bin der Meinung, die Kärntner Slowenen müssen permanent auf allen Ebenen Gespräche führen, vor allem mit jenen Kräften in Kärnten und Österreich, die sich für den Rechtsstaat einsetzen und damit für die Erfüllung der Bestimmungen des Artikels 7 des Österreichischen Staatsvertrages sowie für die Erfüllung anderer Verpflichtungen, die der österreichische Staat im Bereich des Schutzes und der Entwicklung der nationalen Minderheiten übernommen hat. In diesem Sinne verstehe ich die Worte von Friedrich Heer, die in der Einleitung in dieses Protokoll von Bundespräsident Heinz Fischer zitiert werden und so verstehe ich auch die Überlegungen der beiden Mediatoren auf den letzten Seiten des Protokolls.

Aus dem Slowenischen Übersetzt von Vida Obid







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